Warum ist es so schwer, ….

Auszug aus einem Dialog im Jahr 2010 zwischen Dr. Hans Hermsen (Psychologe) und K.-H Schuster (Mit-Initiator der „Aktion FestivalMensch“)

KHS: Warum ist es so schwer, mit der Forderung nach ganzheitlicher Bildung die Menschen zu erreichen?

Dr. HH: Die Frage stelle ich mir seit 1974 und glaube auch eine für mich triftige Antwort gefunden zu haben. Wenn man die auch im Buch von Frau Grimmenstein von Wolfgang Heinrichs proklamierten gesellschaftlichen Räume „Legitimation“, „Kultur“, „Politisches“ und „Wirtschaftssystem“ betrachtet, so kommen Impulse zur Gegenbewegung aus allen Bereichen. Ich nenne mal die ökonomischen Interessen, die stark in die Schule und Hochschule hineinwirken. Diese Interessen haben ein Interesse an kurzfristigen verwertbaren Menschen, außerdem inhaltlich sehr stark auf Folgsamkeit aufgebaut. Das Politische System hat die Interessen derjenigen zu vertreten, die das Sagen in der Gesellschaft haben, bei uns daher eher den ökonomischen Interessen folgend. Das Kultur- und Wissenschaftssystem formuliert entsprechend den gesellschaftlichen Interessen auch wieder sehr kritische und rechtfertigende Positionen, weil und jetzt komm ich zu dem Entscheidenden, weil die Legitimierung eine Art Suggestion ist. Für mich sind alle Konzepte, Ideen, Suggestionen, d.h. Überzeugungen, Glaubenssätze, die begründet sind (entweder in der Biographie, den eigenen Erfahrungen oder in der Vertretung von Interessen wirken) und die wirken(wie das Wort Suggestion=Beeinflussung sagt) total auf den Bereich, auf die sie sich beziehen. So beeinflussen erstaunlicherweise alle pädagogischen Forscher ihre Ergebnisse, d.h. diejenigen, die meinen, Noten sind gut, bekommen genau das heraus und die meinen, Noten sind nicht gut, bekommen das auch heraus. Deswegen kann jede Position sich auch auf Untersuchungen beziehen und sich ein wissenschaftliches Mäntelchen umhüllen.

Das war und ist total verrückt. Wie viele Diskussionen ich in diesen 35 Jahren auf Kongressen, mit Eltern, mit Schülern geführt habe, ist nicht mehr zu rekonstruieren. Ich finde dort Zustimmung, wo eigene Erfahrungen mit meinen Überzeugungen übereinstimmen und dort heftige Widerstand, wo jemand und jetzt komme ich auf die Motivspur der Legitimation – die Angst – seine Position begründet. So haben Eltern Angst, dass ihr Kind ein Looser wird, wenn er mit Migranten oder anderen zusammenkommt und fordert „Weg mit den Migranten“. So haben Lehrer Angst um ihre Macht, wenn sie auf meinen Verzicht auf Macht hören und meinen, sie könnten dann keinen Unterricht mehr machen, wenn sie ihre Machtmittel nicht haben. So haben Schüler höllische Angst, wenn sie alternativen Unterricht erfahren, weil sie dann denken, sie hätten später Nachteile. Alle haben Angst vor der Zukunft und daraus entwickeln sich dann ganz hartnäckige Mythen (z.B. Man kann nur unter Druck arbeiten; das dreigliedrige Schulsystem ist gut, weil es 3 Begabungen vertritt) und Glaubenssätze, die man auch durch gegenteilige Informationen und Erfahrungen nicht aus der Welt schaffen kann. Weil sie in Diskussionen ja nur zuhören und die Erfahrung noch nicht selber gemacht haben. Das ist also ein kompliziertes Problem.

Dieses Gespräch wurde 2010 geführt. Siehe auch > Schwierigkeiten, Menschen für die Notwendigkeit der Umsetzung ganzheitlicher Bildungssysteme zu gewinnen.

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